Plenarrede am 06.06.24 zum Antrag der Koalition „Die Situation von Endometriose- und Adenomyose-Betroffenen in Berlin verbessern“

„Der vorliegende Antrag stammt ja noch aus letzter Koalition, Danke vor allem an meine Kollegin Bahar Haghanipour, die hier starke Grüne Stimme war und das Thema mit vorangebracht hat.

Für die 2 Ergänzungen hätten Sie also lediglich einen Änderungsantrag einreichen können, liebe Koalition. Trotzdem freuen wir uns sehr, dass Sie unser Antrag so inspiriert hat. Schließlich wollen wir gemeinsam – also alle demokratisch handelnden Fraktionen – Tür und Tor öffnen, damit einer der vielleicht bedeutendsten Anträge für Frauengesundheit in dieser Wahlperiode umgesetzt wird, meine Damen und Herren !

Fünf Minuten – solange hat eine niedergelassene Ärztin gemäß Vergütungspauschale für eine potenzielle Endometriose-Patientin Zeit. Wir sind uns sicher einig – für eine hochkomplexe Erkrankung wie Endometriose ist das nicht genug. Das gilt zwar für so ziemlich alle Erkrankungen, aber bei einem Krankheitsbild, das – wie wir bereits gehört haben – aktuell 6 – 8 Jahre bis zur Diagnose braucht, erst recht.

Wir haben bereits vor einiger Zeit im Gesundheitsausschuss ausführlich über die Versorgungssituation von Endometriose-Patientinnen in Berlin gesprochen. Frau Dr. Mechsner vom Endometriose-Zentrum der Charité hat dort eindrücklich die Ist-Situation in unserer Stadt geschildert.

Auf den ersten Blick erscheint diese gar nicht so schlecht. Auf den zweiten Blick jedoch wird deutlich: es gibt bisher kaum niedergelassene Ärzt*innen, die sich auf Endometriose spezialisiert haben. Sie bekommen 47 Euro Vergütung pro Patientin, das sind umgerechnet die von mir genannten 5 Minuten Zeit für eine Patientin. Endometriose-Zentren an den Krankenhäusern existieren zwar, aber laut Dr. Mechsner können Patientinnen Behandlungsoptionen jenseits von Operationen dort nicht erwarten. Und selbst die Charité mit ihrem Endometriose-Zentrum kann zwar multimodale Therapien anbieten – allerdings laufen Patientinnen hier von der Psychologin, zum Schmerztherapeuten, zur Physiotherapeutin, zum Ernährungsberater – anstatt von einem multiprofessionellen Team begleitet zu  werden zu können.

Das Gute ist: Wir haben die Ressourcen in Berlin und könnten das schnell ändern – wenn wir nur den Rahmen anpassen:

  • Die erste Anlaufstelle für Patientinnen – also die niedergelassenen Ärztinnen und Ärzte – müssen für das Krankheitsbild sensibilisiert werden.
  • Dafür brauchen wir ärztliche Weiterbildung, Datenerhebung, sowie Grundlagen- und Versorgungsforschung.
  • Wir brauchen regelmäßige Vernetzungsmöglichkeiten und integrierte multimodale Therapieansätze.
  • Und nicht zuletzt: innovative Versorgungsmodelle wie die vom Innofonds geförderte Period.-App, die Symptome und den Zyklus trackt, um auf Basis dieser Daten das Endometriose-Risiko zu verringern – mein Lob an die Kassen an dieser Stelle !

Insbesondere die Hervorhebung von interdisziplinären Therapieansätzen in ihrem Antrag – dafür sind wir Grüne immer zu haben. Bei der von Ihnen geforderten landesweiten Aufklärungskampagne möchte ich aber betonen, dass es wenig zielführend ist, aus allen Berliner*innen Spezialist*innen für Endometriose machen zu wollen. Sinn und Zweck muss sein, dass Mittel gezielt in die ärztliche Weiterbildung, Finanzierung und Forschung fließen. Öffentlichkeitskampagnen müssen vornehmlich der Enttabuisierung dienen, die es beim Thema Endometriose ganz sicher braucht.

In diesem Sinne: Wir stimmen gerne Ihrem sehr guten Antrag zu. Und ich lese daraus, dass nun auch der CDU das Thema Frauengesundheit ein Anliegen ist – dann können wir ja demnächst mal über den Paragrafen 218 StGB sprechen.

Vielen Dank.


Hier gibt’s die Rede als Pdf zum nachlesen